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Die Vorfassung

Die Frage nach dem WIE wird sich bei allen Besuchern des Panorama Museums aufzwingen. WIE war ein einziger Künstler in der Lage, solch ein gewaltiges, imposantes, universelles Gemälde zu schaffen? Ein Bild ohne Anfang und Ende, 123 Meter lang und 14 Meter hoch.

Am Beginn der Arbeit, Mitte des Jahres 1976, stand er zunächst “vor einer schier unüberwindlichen Wand, was die Erarbeitung der geschichtlichen Prozesse betrifft”. Nach einer ersten Phase intensiven Quellenstudiums, der  Stofferkundung und Motivanreicherung, in der bereits eine Vielzahl an zeichnerischen und druckgrafischen Vorarbeiten sowie einige Gemälde entstanden, schuf Werner Tübke eine maßstäbliche 1:10-Vorfassung des geplanten Bildwerkes  (1979 - 81), dessen Ausführung auf der Frankenhäuser Leinwand Rotunde 1983 begann.

“Mein Vorhaben >Frankenhausen< war und ist die metaphorische Interpretation einer ganzen Epoche, der ökonomischen, geistigen, religiösen Vorstellungen der Zeit überhaupt. >Frühbürgerliche Revolution in Deutschland als Arbeitstitel. Es galt, eine der Würde des Geschichtlichen und der Ereignisfülle entsprechende, visuell überzeugende und fesselnde Formgestalt zu entwickeln, aber auch eine sehr persönliche Bild-Findung. Anfangs stand ich vor einer schier unüberwindlichen Wand, was die Erarbeitung der geschichtlichen Prozesse betrifft, musste mich sachkundig machen, weit über eine gute Allgemeinbildung hinaus, las erst einmal uferlos Fachliteratur. Bei der Realisierung kamen mir jedoch einige Faktoren entgegen: Erstens haben mir Historiker der Sektion Geschichte der Karl-Marx- Universität - Prof. Bensing, Prof. Hoyer - sehr geholfen, was methodische Arbeit, Schwerpunktsetzung usw. betrifft.

Zweitens ist die bildende Kunst auch des 15. und 16. Jahrhunderts mir vertraut, war und ist für meine Arbeit ein wichtiger Anknüpfungspunkt. Insofern war das notwendige Formklima, wie ich es mir vorstellte, von Anbeginn gegeben, ich brauche nur so zu malen wie immer, selbstverständlich.

Drittens begann ich neben dem Lesen sofort zu zeichnen, von Anfang an, erst behutsam sachklärend, dann zusammenhängend fabulierend und vermied so einen zu befürchtenden Zustand: Erst historische Aneignung, dann künstlerische Produktion. Diese Arbeitsphase ist mir im Nachhinein rätselhaft. Es war, im Gegensatz zu meiner sonstigen kunstgeschichtlichen Arbeit, nie wissenschaftliche Arbeit im eigentlichen Sinn, vielmehr träumte ich mich durch die Texte durch, nahm vieles nur ins Kurzzeitgedächtnis, zeichnete Figurengruppen, vergaß streckenweise völlig das Ziel, Fragmente fanden später an geeigneter Stelle ihren Platz.

In dieser Phase fürchtete ich völlig zu Recht wie der Teufel das Weihwasser jedweden Vorgriff auf kompositorische Arbeit. Die Aufgabe hieß ständige Anreicherung, nichts als Anreicherung, um später aus der Fülle heraus spontan, endgültig, ohne Korrektur den Wurf zu wagen.” (Wiss. Zeitschrift der Karl-Marx-Universität, Gesellsch.-wiss. Reihe 35 (1986) H.5, S. 508)

Im April 1979 beginnt Werner Tübke die Schöpfung der 1:10-Vorfassung, bestehend aus 5 Holztafeln (je 139 Zentimeter hoch und 246 Zentimeter breit) mit den ersten zwei Arbeitsgängen: der Vorzeichnung in Kohle und der monochrom festgelegten Untermalung in Eitempera. “Den allgemeinen Rhythmus hatte ich im Kopf fertig, die Raumordnung ebenfalls und konnte deshalb an einem beliebigen Punkt beginnen. Und hier setzte dann wiederum ein, was ich schon angedeutet habe: Unter ständiger Berücksichtigung historischer Tatbestände, Zusammenhänge und grundsätzlicher Gliederung überließ ich mich knapp drei Jahre lang Visionen des Augenblicks, ich hatte ja Geschichtseindrücke die Menge gespeichert und durfte, musste ganz persönlich arbeiten. Die Zwölfmeterdreißig wurden Tagebuch. Die Arbeit ging mühelos vonstatten.” ( Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 42 (1985), H. 4, S. 305) In nur 7 Monaten beendet Werner Tübke die farbige Übermalung mit Harzöl-Lasuren und Halbpasten mit dem “Ziel höchster magischer Wirkung auf den Betrachter”.