Vorfassungen

Werner Tübke
Weihnachtsnacht 1524, 1976
(Kleine Fassung)
Mischtechnik auf Leinwand auf Holz
90 x 70,5 cm
VG Bild-Kunst Bonn, 2013

 

 

 

 

 

 

 

 

Im April 1979 begann Werner Tübke mit der Arbeit am Entwurf des Monumentalwerkes im Maßstab 1:10. Bis zu diesem Zeitpunkt waren insgesamt 10 zum Teil recht großformatige Gemälde-Vorfassungen entstanden, die als jeweils eigenständige Bildwerke anzusehen sind. Bei aller grundsätzlichen Orientierung an der Formensprache der Zeit wirken die Bilder auch stilistisch durchaus differenziert.

Während die Tafel „Weihnachtsnacht 1524“ Anregungen altdeutscher Holzschnitte zu einem Sinnbild der Kälte, Unbehaustheit und Gewalt unter dem Signum eines dämonischen Papstes vereint, zeigt die „Verspottung eines Ablasshändlers“ im Stil der Dürerzeit eine Szene, die auf eine Federzeichnung aus dem Jahr 1525 von Niklaus Manuel Deutsch zurückgeht. Die dritte 1976 geschaffene Vorfassung ist das Gemälde „Schlachtberg 1525“, zu dem die weitgehend verbindliche Entwurfszeichnung ausgestellt ist. Die Arbeit repräsentiert ein erstes Resümee, offenbart aber auch die Schwierigkeit einer gültigen Raumlösung: Bei zentralperspektivischer Sicht verdecken die Vordergrundfiguren das Geschehen dahinter. Eine breite Auffächerung des Themas war so unmöglich.

Drei Gemälde aus dem Jahr 1977 belegen, wie intensiv sich der Maler um die Lösung dieser Frage bemühte, wobei ganz unterschiedliche Ansätze erprobt wurden. Die Tafel „Verarmung des niederen Adels“ zeigt eine irreale Verkopplung kaum definierbarer Raumsequenzen, die Bühnencharakter gewinnt und ganz auf die Kombinatorik isolierter Einzelmotive setzt. Im Gegensatz dazu beschwört das Bild „Tanzende Bauern“ in einer derben Volksszene unter Maibaum und Galgen noch einmal eine reale Raum-Zeit-Einheit. Die dritte Fassung von 1977 ist das „Triptychon“, das sich in der Sammlung des Panorama Museums befindet.

Zum Schlüsselbild der Vorbereitung wurde 1978 die sogenannte „Vorfassung mit Kogge“. Das grundlegende Raumkonzept mit dem sich daraus ergebenden Betrachterstandpunkt, das szenische Gruppierungsraster, das Miteinander von realen Elementen und Metaphern, die Lichtregie, die Tonigkeit, der einheitlich sonore Farbklang, die gesamte Erzählstruktur des Bildes mit seiner auf kunsthistorischen Zitaten, Montagetechnik und tradierter Ikonografie beruhenden Semiotik – all das ist mit leichter, flüssiger Hand als malerisches Ereignis von zwingender Überzeugungskraft auf die Fläche gebannt. „In dem Augenblick, wo der Horizont hochgeklappt worden ist“, bekannte der Künstler rückblickend in einem Interview 1988, „da war die Sache geregelt, da war die Bildordnung gelaufen …“