Narrengericht

Werner Tübke
Ende der Narrengerichtsbarkeit, 1978
Mischtechnik auf Holz
89,3 x 70,7 cm
Sammlung Panorama Museum bad Frankenhausen
VG Bild-Kunst Bonn, 2013

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit seiner „künstlerischen Konzeption“ eingereicht hatte Werner Tübke auch Fotos von zwei weiteren 1978 gemalten Tafeln: „Gen Narragonien“ und „Ende der Narrengerichtsbarkeit“. Beide Gemälde beziehen sich auf die Welt der Narren, die – vermittelt über die Literatur – prominent in die Ikonografie des Panoramabildes Eingang gefunden hat. Während „Gen Narragonien“ auf Sebastian Brants „Narrenschiff“ anspielt, in den Figuren eigentlich aber auf Holzschnitte von Erhard Reuwich aus dem Pilgerbericht »Peregrinatio in terram sanctam« des Bernhard von Breydenbach (1486) zurückgeht (gemeint sind Ketzer, Lügner, Betrüger und Verräter der Christenheit, über denen eine allegorische Figur aus einem Einblattdruck von Peter Flötner von 1525 den Sturz religiöser Heuchelei und Scheinheiligkeit verkörpert, der zugleich an einen Engelsturz, also Luzifer, denken lässt), bezieht sich das Gemälde »Ende der Narrengerichtsbarkeit« auf das Narrengericht als spätmittelalterlichen Fasnachtsbrauch. Als spielerische Form der Volksjustiz bot es die Möglichkeit, nicht nur Sünden und Vergehen von Mitmenschen zu verurteilen, sondern ungestraft auch Missetaten der Obrigkeit öffentlich an den Pranger zu stellen. Im Württembergischen soll ein solches Narrengericht 1514 gar der Auftakt zum Aufstand des „Armen Konrad“, einer bewaffneten Empörung der Bauern gegen die Willkürherrschaft der dortigen Landesfürsten, gewesen sein.

Tübke hat das Thema nicht illustriert, sondern in ein Bühnenstück verwandelt, in dem sich das närrische Spiel mit christlicher Ikonografie, Historie und ganz privaten archetypischen Bezügen mischt. So wie das Fasnachtspiel als weltliches Volkstheater aus dem kirchlichen Mysterienspiel erwachsen ist, überlagern sich die Sinnschichten, verschieben sich die Bedeutungen. Im Zentrum des Bildes ist ein Narr (im Kittel des Malers) ans Kreuz gebunden. Unter ihm steht mit eingezogenem Kopf und Geldbeutel im Schoß eine Sünderin, zu deren Füßen eine Schweinsmaske als Zeichen der Unkeuschheit liegt. Rechts ist im Charakter einer Marktszene die Verführung durch den Sündenapfel mit dem Ausbluten eines Opfertieres kombiniert, links hingegen eine Verkündigung platziert, bei der ein zorniger Engel unter Verweis auf die Schrift einem Auserwählten, der wohl ein bewaffneter Bauer ist, den Palmenzweig des Märtyrers bringt. Wie anderen Figuren auch ist diesem eine Tiermaske zugeordnet. Während der Hirsch als Christussymbol gilt, steht das Pferd für Kraft, Vitalität, aber auch für Häresie. Die Anprangerung sündhaften Verhaltens und der Auspressung bis aufs Blut werden so gekontert mit der Aufforderung zu bewaffnetem Widerstand, der sich mit der Berufung auf die Schrift, den Erlöser und „göttliches Recht“ als Strafgericht der Leidgeprüften und Unterdrückten offenbart. Auf der Brücke ist die Konfrontation bereits voll im Gange. Doch auch persönliche Konstellationen scheinen impliziert, wenn sich das Opfer von Unmoral und Intrige unversehens selbst am Pranger sieht.