Konturzeichnung

Bevor die Tafeln der 1:10-Fassung im Juli 1982 den Schlussfirnis erhielten, fertigten Dietrich Wenzel und Helmut F. Heinrichs vom 12. April bis 8. Juni 1982 im Leipziger Großatelier von Werner Tübke eine detaillierte Konturzeichnung auf 12 über das Bild gespannte Folienbahnen an. Dietrich Wenzel hatte ganz links mit Bahn 1 (Winterlandschaft) begonnen und arbeitete nach rechts bis an die Naht von Bahn 4 zu Bahn 5, um den Anschluss an Helmut F. Heinrichs zu gewinnen, der etwas später mit Bahn 6 (Jüngstes Gericht) angefangen hatte und ihm bis dahin entgegengekommen war. Während Heinrichs inzwischen von Bahn 7 (tanzendes Volk) nach rechts fortgesetzt hatte, ging Wenzel nun von Bahn 12 (Felsklippen) nach links, um sich schließlich im linken Drittel von Bahn 11 (etwa auf Höhe der Schmeichler und Knechte vor den eitlen Herren) mit Heinrichs zu treffen.

 

Obgleich sich die Zeichner auf ein gemeinsames Grundprinzip der Formerfassung verständigt hatten, gibt es erkennbare Unterschiede in der Ausführung, die von Werner Tübke zwar nicht thematisiert wurden, durchaus aber signifikant sind, zumal die Umsetzung der Malerei in ein Netz von Linien notwendig selbst schon eine Interpretation verlangte. Dietrich Wenzel hat die Schwierigkeiten dieser Arbeit in Tagebuchnotizen so beschrieben: „Alle bisher klar begrenzt scheinenden Formen waren nun durchaus nicht so klar, galt es doch, ein werkgetreues, für den Malprozess anregendes Liniengeflecht zu zeichnen, sich zur Linie zu entscheiden, auch wo das Entwurfsbild eher malerisch, mit schnellem Pinsel hingewischte Formen aufwies.“ Im Vergleich der Ergebnisse wirkt die Zeichnung von Dietrich Wenzel etwas offener und auch filigraner, der Strich von Helmut F. Heinrichs dagegen entschiedener, fester und in der Form geschlossener.

Die lineare Nachzeichnung des Wandbildentwurfs bezeichnet die erste Phase der Übertragung des Werkes auf das Endformat. In traditioneller Weise erfüllte sie die Funktion eines Kartons als orientierende Grundlage der eigentlichen malerischen Ausführung. Nach ihrer Vollendung wurde die Linearzeichnung daher in einem Kontaktabzugsverfahren auf Fotopapier entwickelt und für die Projektion der Motivkonturen auf die inzwischen im Panoramasaal gehängte und grundierte Riesenleinwand in 900 Einzelquadrate von 13,6 cm Seitenlänge zerlegt. 

Erst nachdem die Konturzeichnung beendet war, erhielt die 1:10-Fassung im Juli 1982 ihren abschließenden Firnisüberzug.