Hochmalen

Von Anfang 1982 bis Sommer 1983 arbeitete Werner Tübke in seiner Leipziger Atelierhalle am Schillerweg selbst unter Werkstattbedingungen an einer Reihe großformatiger Gemälde (bis zu 3 x 4 Meter), mit denen er sich Klarheit zu verschaffen suchte über rein maltechnische Fragen, vor die ihn wie seine künftigen Mitarbeiter die Arbeit an einem derart riesigen Format von 14 x 123 Metern Größe stellte.

Es ging, so Tübke, um „die Erprobung einer Arbeitsweise, die technisch einwandfrei, haltbar, ökonomisch (also zügig, schnell), substanzreich (farbig differenziert, unterschiedlich dick die Farbhaut), fernwirksam“ und möglichst stumpf war, also mit wenig Bindemittel auskam, um später keine Probleme bei der Ausleuchtung zu haben. Tübke nannte dies „Hochmalen“ auf das Endformat, eine Einarbeitungsphase, die er auch seinen Werkstattmitarbeitern abverlangte, die jeweils sofort nach Eintritt ins Atelier erst in Kohle, dann in Öl Motive des Bildes im Maßstab 1:2 oder auch 1:1 wiederholen mussten, um die Handschrift des Meisters vollendet beherrschen zu lernen.

Ein Dutzend Gemälde sind in dieser Phase des Hocharbeitens bis zum Sommer 1983 von der Hand Werner Tübkes geschaffen worden. Nur eines davon wiederholt eine der Vorfassungen aus den 1970ern, wobei der Vergleich deutlich macht, wie sehr sich Tübke nochmals um eine Steigerung der Stofflichkeit wie der raumplastischen Ausdruckskraft bemüht hat, um jedes Abgleiten ins Dekorative oder gar Plakative zu vermeiden. Andere Bilder variieren einzelne Panoramamotive, und noch andere sind eigens entworfene Neuschöpfungen, die gleichfalls in einer kleinen und einer großen Fassung existieren. Greift er dabei das eine Mal eher auf sein eigenes Werk, speziell den Duktus seiner vielfigurigen Zeichnungen mit Massenszenerien und Happenings, zurück, so ist die Komposition das andere Mal deutlich von kunstgeschichtlichen Vorbildern, beispielsweise Giambattista Tiepolos Fresko von 1750–52 in der Würzburger Residenz zur Vermählung Friedrich Barbarossas mit Beatrix von Burgund im Jahr 1156, inspiriert. Von Bedeutung war in dieser Phase speziell eine Spanienreise, die Werner Tübke im Februar 1982 unternommen hatte, bei der er im Prado Bilder von Velázquez im Original studieren konnte. Im Vergleich mit früheren Arbeiten ist die Formensprache von Werner Tübke in diesen Jahren tatsächlich ausgesprochen malerisch geworden – eine notwendige Konsequenz der Vorbereitung auf die unmittelbar bevorstehende Ausführung seines riesigen Monumentalwerkes. Der Charakter der Darstellung bleibt dabei durchaus realistisch. Das Gemälde „Tod im Gebirge“ mit dem Bildnis seiner Frau ist ein vorzügliches Beispiel.

Welche Intensität die Arbeit gewann, zeigen auch die Studienblätter und Werkzeichnungen Tübkes vom August und September 1983, die direkt im Zusammenhang mit dem Beginn der Ausführung des Bildes in der Rotunde entstanden.