Harlekin und Narr

Parallel zum Narrenmotiv des deutschen Spätmittelalters setzte 1978 ein zweiter, zunächst noch deutlich abgegrenzter Werkkomplex mit tragikomischen Harlekinaden ein (etwa die Zeichnungsfolge »Harlekin ist tot«, ein Motiv, das auch bei Picasso nachweisbar ist), der aus der Beschäftigung mit der Commedia dell’arte erwuchs und sich in der Folgezeit nicht nur zunehmend mit dem historischen Thema vermischte, sondern auch verstärkt ins persönlich Schicksalhafte, Metaphysische und Transzendente rückte. Als Wahrheitskünder, Mahner und auch tragische Gestalten reizten Werner Tübke die Figuren des Harlekin und Narren, boten sie ihm doch die Möglichkeit, sein Innerstes zum Ausdruck zu bringen, ohne sich vollends offenbaren zu müssen.

Der Einzug des Harlekin in sein Werk war kein Zufall, sondern Ausdruck der Selbstreflexion eines Künstlers, der sich seiner schillernden, proteushaften Rolle als zunehmender Verfechter eines strikten l’art pour l’art unter den Bedingungen des hochoffiziellen, mit einem Übermaß an gesellschaftlichen Erwartungen verbundenen Staatsauftrages klar zu werden versucht hat. Als Maler im Auftrag des Staates wurde er zum „Hofnarr“ der Macht, der den Potentaten weit überlegen blieb, der umworben und vielfach geehrt wurde, doch vom Geheimdienst zugleich pausenlos observiert.

Der Harlekin und Narr wird zur Identifikationsfigur des Künstlers. In ihm sieht er sich selbst. Das gilt für das „Ende der Narrengerichtsbarkeit“ und die kleine „Beweinung“ wie das große, epochenumspannende Monumentalwerk.

Darüber hinaus hat der Künstler selbst immer wieder darauf verwiesen, dass er wesentliche Anregungen auch der Literatur verdankte, vor allem den großen russischen Autoren, speziell Dostojewski. Nicht ohne Bedeutung dürfte dabei Tübkes Russlandreise gewesen sein, die er im Frühjahr 1977 in den Kaukasus unternahm und von der er eine Fülle von Zeichnungen mitbrachte – Menschenbilder, Charaktere von tiefer psychologischer Durchdringung, die sich zu Archetypen mit Schicksal verdichten und selbst religiöse Konnotationen nicht verbieten. So konnte es auch passieren, dass im „Ende der Narrengerichtsbarkeit“ aus einem russischen Bauern ein Müntzer’scher Gottesstreiter wird. „Turbulenzen auf der Zeitachse“ – für Tübke ein Leitbegriff. Und das Ich als Fixpunkt, „definiert als das Selbst unterwegs“.

Das letzte Gemälde, das vor Beginn der 1:10-Fassung entstand, ist Christophorus gewidmet. Das Bild fiebert geradezu vor innerer Erregung und scheint voll von „hochmanieristischer Exzentrik, geradesohin noch unter Kontrolle gebracht“. In seiner ganzen Überspanntheit ist es unmittelbarer Ausdruck der Befindlichkeit des Malers vor dem alles entscheidenden Gang an den Entwurf seines Monumentalwerkes. Die Anreicherungsphase war beendet, die eigentliche Bilderfindung stand unmittelbar bevor.