Les Visionnaires
Visionäre Grafikkunst der Gegenwart aus Frankreich
17.03.2012 bis 24.06.2012
In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hat sich nach anfänglicher Dominanz der Abstraktion und in Abkehr von jeder einfachen, unreflektierten Realitätssicht in Paris wie vorher schon in Wien oder zeitgleich auch in Prag und anderswo eine im weitesten Sinne figurative Kunstauffassung entwickelt, die von dem Kunstkritiker und Schriftsteller Michel Random (1933 – 2008) als L’Art Visionnaire, als „visionäre Kunst“, bezeichnet worden ist.
Ihre Ursprünge liegen zu einem guten Teil in der Nachkriegsentwicklung des Surrealismus, von dem sie sich jedoch schon im Ansatz in ihrem Anliegen, in Anspruch und Umsetzung unterscheidet. Ihre Kennzeichen sind imaginatives Herangehen, metaphysische Wesensschau, Subjektivität und Innerlichkeit in der Wiedergabe der Erscheinungen und eine komplexe Realitätssymbolik, die die Totalität eines ganzen Welt- und Menschenbildes in poetischen Metaphern von archetypischer Gültigkeit spiegelt. Sie ist voller Geheimnis und magischer Bildkraft, erschöpft sich jedoch nicht in einer bloßen Wiedergabe von Traumgesichten und Exaltationen esoterischer Phantastik, sondern verweist auf grundlegende Seinserfahrungen und die zeitgenössische Wirklichkeit wie deren widerstreitende Möglichkeiten, Krisen und Perspektiven. Um solches leisten und Visionen von existentieller Dimension formulieren zu können, bedarf es einer vollendeten Beherrschung der künstlerischen Mittel, wobei für die „Französische Schule“ vor allem die Tradition von Callot über Piranesi bis zu Bresdin, Hugo, Meryon, Redon und Moreau vorbildhaft scheinen.
Von den Versuchungen des Marktes durch einen eher intimen und vergänglichen Charakter weitgehend bewahrt, hat die visionäre Kunst bevorzugt in der Grafik gültig Ausdruck erlangt. So wurden für diese erste deutsche Museumsschau visionärer Kunst der Gegenwart aus Frankreich ausschließlich Arbeiten auf Papier ausgewählt, selbst wenn viele der vorgestellten Künstler auch als Maler hervorgetreten sind. Die Ausstellung umfasst insgesamt 150 Werke von 14 ausgesuchten Meistern, deren Schaffen mehr als ein halbes Jahrhundert umspannt. Im Laufe der Jahre haben einige von ihnen eine andere Richtung eingeschlagen, andere hat der Tod allzu früh an einer Fortführung ihres Weges gehindert.
Als eigenständige Strömung ist die visionäre Kunst in Frankreich eine Entwicklung der 60er Jahre, die in den 70er und frühen 80er Jahren zur Blüte gelangte, doch bis heute modifiziert fortwirkt. Erstmals überhaupt wird nun die „Schule visionärer Grafiker von Paris“ als eigenständiger Beitrag Frankreichs zur figurativen Kunst der Gegenwart im deutschsprachigen Raum einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert.
Ausstellende Künstler: Hélène Csech, Dado, Érik Desmazières, Yves Doaré, François Houtin, Jacques Le Maréchal, Étienne Lodého, François Lunven, Alain Margotton, Jean-Michel Mathieux-Marie, Didier Mazuru, Georges Rubel, Gérard Trignac und Jean-Pierre Velly
Zur Ausstellung erschien ein zweisprachiger (deutsch/französisch) Katalog mit 308 Seiten und 157 Abbildungen. (PDF-Download Auszug aus dem Katalog)
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